Stimmungsschwankungen in den Wechseljahren – Wenn aus „Geduld“ plötzlich „Direktheit“ wird
Kennst du das?
Du warst jahrzehntelang die diplomatische, vernünftige, ausgleichende Person.
Und plötzlich reicht ein schief abgestellter Geschirrspüler – und dein innerer Vulkan meldet sich.
Willkommen in der Perimenopause.
Wenn sich der Hormonhaushalt verändert, bleibt das nicht ohne Wirkung auf unsere psychische Stabilität. Viele Frauen erleben, dass Strategien, die früher zuverlässig funktioniert haben – tief durchatmen, lächeln, es runterschlucken – plötzlich nicht mehr greifen.
Emotionen stehen schneller an der Oberfläche.
Und nein: Das ist kein Charakterproblem. Das ist Biologie.
Eine zweite Pubertät – nur mit Lebenserfahrung
Ähnlich wie in der Pubertät reorganisiert sich auch jetzt unser neurobiologisches System.
Der Unterschied: Mit 14 haben wir Türen geknallt. Mit 48 formulieren wir sehr klar.
Geschlechtshormone beeinflussen im Gehirn komplexe Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin. Wenn Östrogen und Progesteron schwanken, reagiert auch dieses fein abgestimmte System empfindlicher.
Das zeigt sich übrigens schon bei prämenstruellen Beschwerden – nur dass es jetzt nicht mehr monatlich kommt, sondern phasenweise deutlich intensiver.
Und was ist mit Testosteron?
Spannend wird es, wenn Östrogen stärker sinkt als die Androgene. Es kann ein relativer Androgenüberschuss entstehen.
Und was bedeutet das?
Mehr Klarheit.
Mehr Durchsetzungskraft.
Weniger Geduld für Unsinn.
Testosteron steht für Zielorientierung und Energie. Das ist nichts Negatives. Aber in Kombination mit Schlafmangel und Stress kann es dazu führen, dass die Toleranzschwelle sinkt.
Man könnte auch sagen:
Wir werden nicht reizbarer. Wir werden ehrlicher.
Schlafmangel – der heimliche Brandbeschleuniger
Hitzewallungen, Nachtschweiß, Grübeln. Wenn der Schlaf bröckelt, bröckelt auch die Emotionsregulation.
Chronischer Schlafmangel beeinträchtigt die Impulskontrolle. Die Stressachse reagiert sensibler. Cortisol wird weniger stabil reguliert.
Das Ergebnis?
Eine kürzere Zündschnur.
Nicht, weil wir „überempfindlich“ sind.
Sondern weil ein erschöpftes Nervensystem weniger Puffer hat.
Und dann kommt das Leben dazu
Die Wechseljahre fallen oft genau in die Phase, in der beruflich viel verlangt wird. Kinder werden selbstständiger – oder stellen neue Herausforderungen. Eltern brauchen Unterstützung. Beziehungen verändern sich. Gleichzeitig taucht die Frage auf:
War das alles?
Oder kommt da noch etwas?
Diese äußeren Faktoren wirken wie ein Verstärker auf innere Prozesse.
Die Wahrheit, die niemand laut sagt
Viele Frauen haben Jahrzehnte funktioniert.
Jetzt fällt der hormonelle Filter teilweise weg. Dinge, die wir lange toleriert haben, fühlen sich plötzlich nicht mehr tragbar an.
Das ist keine Krise.
Das ist eine Neujustierung.
Fazit
Stimmungsschwankungen und erhöhte Reizbarkeit in den Wechseljahren sind keine Laune, kein Versagen und kein Persönlichkeitsdefizit.
Sie entstehen durch hormonelle Dynamiken mit direktem Einfluss auf Neurotransmitter, Schlaf und Stressregulation. Schlafstörungen und psychosoziale Belastungen wirken verstärkend.
Die Prozesse sind biologisch erklärbar.
Und: Sie sind behandelbar.
Bei ausgeprägten Beschwerden ist eine differenzierte ärztliche Abklärung sinnvoll – zum Beispiel bezüglich Schilddrüsenfunktion oder Eisenstatus. Auch eine fundierte Beratung zu hormonellen Therapieoptionen kann entlasten.
Und vielleicht noch ein Gedanke zum Schluss
Vielleicht geht es nicht darum, wieder „so geduldig wie früher“ zu werden.
Vielleicht geht es darum, bewusster zu entscheiden, wo unsere Energie hingehört –
und wo nicht mehr.
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